Menu
Menü
X

Predigt aus der Predigtreihe zu den 8 Leitwerten am 06.09.2015 von Pfr. Markus Bomhard über den Leitwert "Offen"

„Ich habe euch eine Tür geöffnet, die niemand zuschließen kann.“
(Offb. 3,8b)

In einer sich stetig verändernden Welt sind wir eine kleinstädtische Gemeinde mit ländlichen Anteilen, die sich den örtlichen Traditionen und Festen verbunden weiß und dennoch nicht vor Veränderungen davon läuft, sondern sie begrüßt und als Chancen wahrnimmt. Wir halten es für selbstverständlich, dass sich Traditionen verändern dürfen, ja sogar müssen. Menschen, die von der heutigen modernen Kultur geprägt sind, sollen bei uns eine Heimat finden. Entsprechend versuchen wir, das Evangelium in einer zeitgemäßen Form zu verkünden. Gott kennt viele Ausdrucksformen. Wir auch.
Wir verstehen uns als eine Gemeinde auf dem Weg, die sich ihrer Herkunft bewusst ist, das gemeinsame Ziel immer wieder prüft und ihre Gemeinschaft lebendig gestaltet. Wir wollen uns gerne immer wieder in Frage stellen lassen und sind bereit, uns, falls es notwendig wird, selbst zu reformieren. „Ecclesia semper reformanda“ zu sein –eine immer wieder zu erneuernde Gemeinschaft von Gläubigen– bedeutet nicht, in dem zu erstarren, was war, sondern sich für Neues ermutigen zu lassen.
Wir wollen unsere Türen weit aufmachen und offene Kirche für alle sein, die in unseren Kirchengebäuden und in unserer Gemeinschaft nach Gott suchen. Wir wollen uns für diejenigen öffnen, die auf der Suche nach neuen Glaubenswegen und Sinn in ihrem Leben sind – ebenso wie für diejenigen, die ihren Platz in unserer Gemeinde bereits gefunden haben.

Liebe Schwestern und Brüder

Offen. Offenheit. Offensein. Sich öffnen.

Das hat sich unsere Kirchengemeinde im wahrsten Sinn des Wortes als eines der acht Leitwerte auf den Fahnen geschrieben.

Als Grundlage für gelingende Gemeindearbeit, aber auch als unser Ziel.

Offenheit bedeutet, dass wir noch ergänzungsbedürftig sind, also unvollkommen.

Dass Gott uns so geschaffen hat, dass wir merken, ohne ihn bekommen wir zwar hin, Mauern zu bauen. Mit ihm aber könnten wir aber sogar über Mauern springen.

Ohne ihn können wir uns nach dem Paradies sehnen und so tun, als wäre es bereits durch unsere Fähigkeiten auf Erden komplett umsetzbar. Mit ihm aber steht uns das Himmelreich auf jeden Fall offen.

So verspricht es uns zumindest Jesus im Buch der Offenbarung: „Ich habe euch eine Tür geöffnet, die niemand zuschließen kann.“ (Offb. 3,8b)

Und hierin liegt für mich der Grund und die Basis für alle Offenheit:

Es ist Gott, der uns einlädt.

Es ist Jesus, der uns diese Offenheit vorgelebt hat.

Und es ist der Heilige Geist, der uns zuweilen die Fenster öffnet, wenn uns jemand die Tür zuschlägt.

Diese Einladung eines offenen Gottes an uns, befähigt uns, offen zu werden für das, was neu ist, was fremd ist, was vielleicht so noch nie da war.

Aber diese Offenheit ist eben keine Selbstverständlichkeit. Offenheit ist vielmehr etwas sehr Kostbares, und muss immer und immer wieder eingeübt werden.

Offenheit allein ist keine Qualität, etwas, was man einmal aufbaut und dann für immer hat. Sie ist vielmehr eine Haltung, die sich in Frage stellen lässt, überprüft und ggf. korrigiert werden muss.

Offenheit ist eine Haltung gegenüber Gott und anderen Menschen.

Wie würdet Ihr für Euch diese Haltung füllen, die sich als offen beschreiben ließe? Wie würdet Ihr sagen: So lebe ich, so lebt unsere Kirchengemeinde Offenheit? Und so könnte sie noch als Haltung aussehen?

Kämen darin so Dinge vor wie Wachheit, Interesse, Respekt, Lernwille, Gastfreundschaft, der Mut, neue unentdeckte Wege zu gehen und dabei Fehler zu machen, oder die Unerschrockenheit, sich noch einmal neu zu sortieren und wieder auf den Weg zu machen, wo man früher vielleicht gescheitert war.

Offen zu sein, wo andere sagen: „Geht nicht“ –„Ging noch nie“, sich kindliche Neugierde zu bewahren und zu schauen, wohin man käme, wenn jemand fragt: „Wo kämen wir denn da hin?“

So haben wir im Leitbild formuliert: „Wir verstehen uns als eine Gemeinde auf dem Weg, die sich ihrer Herkunft bewusst ist, das gemeinsame Ziel immer wieder prüft und ihre Gemeinschaft lebendig gestaltet. Wir wollen uns gerne immer wieder in Frage stellen lassen und sind bereit, uns, falls es notwendig wird, selbst zu reformieren. „Ecclesia semper reformanda“ zu ein –eine immer wieder zu erneuernde Gemeinschaft von Gläubigen– bedeutet nicht, in dem zu erstarren, was war, sondern sich für Neues ermutigen zu lassen.“

Wir wollen Menschen mit offenen Herzen, mit offenem Geist und mit offenen Türen sein.

So heißt es in unseren Ausführungen weiter: „Wir wollen unsere Türen weit aufmachen und offene Kirche für alle sein, die in unseren Kirchengebäuden und in unserer Gemeinschaft nach Gott suchen. Wir wollen uns für diejenigen öffnen, die auf der Suche nach neuen Glaubenswegen und Sinn in ihrem Leben sind – ebenso wie für diejenigen, die ihren Platz in unserer Gemeinde bereits gefunden haben“

Und wir meinen es ernst damit. Nicht ohne Grund rufen wir den Arbeitskreis „Offene Kirche“ ins Leben, um unsere Kirchengebäude zu öffnen. Nicht ohne Grund möchten wir Asylsuchenden in unseren Räumen Deutschkurse anbieten, nicht ohne Grund öffnen wir unsere Häuser und Herzen und bieten halbjährlich das BlindDinner an.

Was wir sein möchten: Menschen, die sich anderen freundlich zuwenden. Wir definieren uns nicht durch Negativformulierungen, was wir alles nicht sind, sondern durch liebevolles Interesse und Respekt gegenüber verschiedenen Ausformungen des Lebens.

Denn die Kirche ist immer ein Mischkörper: Suchende und Glaubende füllen sie; Zweifelnde und Vertrauende machen sie aus. Die Kirche gehört nicht nur den geistigen Eliten; den Erlösten, die über allem schweben, den mit Gottes Geist getauften, denen, die schon immer dazu gehörten.

Auch vor den Türen unserer Kirche gibt es Verlorene und Gerettete.

Wenn Kirche zum „Erfolgsverein“ wird, der primär die anzieht, denen das meiste gelingt und die keine Brüche im Leben vorzuweisen haben, dann stimmt was nicht mehr.

Jesus hat die Elenden, Armen, Traurigen aufgesucht und gesammelt, bzw. die, die dazu stehen, dass nicht alles klappt in ihrem Leben.

Sind wir eine gute Kirche, solange wir nur aus Braubachern bestehen? Solange nur intakte Familien zu uns finden? Solange sich nur deutsche und heterosexuelle Menschen bei uns angenommen fühlen? Was ist mit denen, auf deren Leben ein Schatten fiel?

Nein, wir wollen bewusst eine Kirchengemeinde sein, die offen ist für das Leben in allen Schattierungen, die sich dem Menschen zuwenden, weil sie von Gottes Geist bewegt sind.

Um offen zu sein, braucht jeder Mensch auch seinen Halt, seine Wände, seinen Grenzen, sonst verliert er sich.

Dieser Halt ist für uns Christen Gott in all seinen Facetten.

Für uns bedeutet darum Offenheit: Im Vertrauen darauf, dass Gott wirkt, wollen wir eine Kirchengemeinde sein, die offen ist für das Leben in allen Schattierungen und darum die Menschen liebt, egal wie viele Brüche ihr Leben durchziehen, egal, auf welchem Stand des Glaubens sie stehen, egal, wie sie Gott anbeten.

Denn Gott kennt viele Ausdrucksformen. Wir auch.

Amen  

top